Experimentelle Archäologie

Die Vorgeschichtsforschung erweitert ihren festen, sicheren Wissensstand durch die Erforschung und Interpretation von Grabungsbefunden und Fundgegenständen. Mithilfe der experimentellen Archäologie werden mit genau definierter Fragestellung im Experiment Fragen zu Befunden oder Fundgegenständen und deren Herstellung und Nutzung beantwortet. Fragestellung, Experiment und sein Ergebnis werden exakt dokumentiert. Das Ergebnis wird dadurch nachvollziehbar und das Experiment kann unter denselben Parametern jederzeit wiederholt werden. Die sich aus dem Experiment ergebenden Informationen zu vorgeschichtlichen Arbeitstechniken können anschließend angewendet werden um dem Original nahekommende Gebrauchsgegenstände – Haus, Boot und Keramik – um nur einige Beispiele zu nennen – herzustellen.

Einer der Schwerpunkte des Archäotechnischen Zentrums in Welzow wird der Arbeitsbereich experimentelle Archäologie sein. Geplant ist, in Zusammenarbeit mit Universitätsinstituten im wissenschaftlichen Experiment dem archäologisch-experimentellen Fragekomplex zum Thema Holz in der Vorgeschichte nachzugehen.

Zum einem wird das Thema Bootsbau in der Vorgeschichte thematisiert. Basierend nicht nur auf Funden aus Brandenburg – Anknüpfungspunkt ist die lange Tradition des Kahnbaus im Spreewald –  werden Fragestellungen zur Technik des Bootsbaus von der Herstellung eines steinzeitlichen Einbaums bis zum spätslawischen Boot im Experiment geklärt, und im Nachgang im Archäotechnischen Zentrum für das Publikum nachvollzogen werden.

Zum anderen bieten Experimente zum Hausbau aus der Steinzeit, frühen Bronzezeit, späten Bronzezeit und Eisenzeit, sowie dem Mittelalter und der frühen Neuzeit bis zum 17. Jh. die Möglichkeit, die in den letzten Jahren im Land Brandenburg vor allem in den Großgrabungen im Tagebauvorfeld entdeckten Hausbefunde zu hinterfragen und nachzuvollziehen.

Neben der experimentellen Durchdringung von archäologischen Befunden hin zur 1:1 Rekonstruktion seitens der Vorgeschichtsforschung steht die Erprobung von Handwerkstechniken in Zusammenarbeit mit den ansässigen Handwerkskammern und Lehrbauhöfen. Bei der Rekonstruktion wird eine enge Kooperation mit Universitätsinstituten der Ingenieurs- und Architekturwissenschaften angestrebt.

Als dritter Schwerpunkt wird der Fragestellung zu regional auf Sandboden wachsenden landwirtschaftlichen Nutzpflanzen der Vorgeschichte, des Mittelalters und der frühen Neuzeit bis zum Barock (17. Jh.) nachgegangen, womit Fragen der Ernährungsgrundlage über weite Zeiträume in der Niederlausitz zu klären sind. Hierzu bieten sich durch Waldbrand freigewordene Waldflächen an, auf denen Säh- und Ernteversuche durchgeführt werden können.

Grundsätzlich ist die experimentelle Archäologie Bestandteil der wissenschaftlichen Forschung und Lehre in der Bundesrepublik. Lange Tradition hat die experimentelle Archäologie an den Universitäten Hamburg und Köln und Kontakte des Archäotechnischen Zentrums zur Humboldt-Universität zu Berlin lassen vielleicht schon in den nächsten Jahren erste Experimente möglich werden.

Dem Archäotechnischen Zentrum stehen für die experimentelle Archäologie zwei Areale in unmittelbarer Nachbarschaft zwischen Alter Feuerwehr und Clara See zur Verfügung. Hier kann experimentiert werden. Im Anschluss wird dann an prominenter Stelle – im Zuge der Archäotechnik – das Experiment verdeutlicht und nachvollzogen werden.

Es ist geschafft – unser steinzeitliches Haus steht

Auf dem Aktionsgelände des Archäotechnischen Zentrums haben Studenten des Studienganges Altertumswissenschaften Prähistorische Archäologie der Freien Universität Berlin innerhalb eines experimentellen Workshops ein steinzeitliches Haus errichtet. Zur Errichtung und zum Aufbau nutzten die Studenten nur Werkzeug, welches in der Steinzeit nachgewiesen ist. So kamen zum Beispiel selbst gefertigte Knochenmeißel zum Einsatz.
Im Rahmen kommender Projektwochen und geplanter Veranstaltungen soll das steinzeitliche Haus in naher Zukunft noch Wände und ein Dach erhalten.

Literatur:

Behnke, Hans Joachim 2012: Siedlungsgunst im Unstruttal bei Karsdorf, Burgenlandkreis.
Ergebnisse der Grabungen im Jahr 2006 und 2007 – Archäologie in Sachsen-Anhalt 6, Halle (Saale), 2012, S. 35 bis 70